Vom Revolutionär zum Yogi
Sri Aurobindo
„Meine Idee war eine bewaffnete Revolution in ganz Indien. Was aber die Revolutionäre taten, war sehr kindisch; sie brachten einzelne Beamte um. Später wandelte sich dieses Vorgehen in Terrorismus und Räuberei, was überhaupt nicht meiner Idee entsprach - Sicher ist, dass ich meinen Kampf um die Freiheit niemals auf Rassenhass oder Vorwürfe tyrannischen Verhaltens oder schlechter Regierungsmaßnahmen gründete, sondern immer auf das unveräußerliche Recht einer Nation auf Freiheit? In einem so weiten Land wie Indien und einer so kleinen regulären englischen Armee würde selbst der Guerilla-Krieg, verbunden mit einem allgemeinen Widerstand, ein erfolgversprechendes Mittel sein. Und dann war ja auch an die Möglichkeit einer allgemeinen Revolte in der indischen Armee zu denken? Außerdem sind die Engländer nicht so, dass sie rücksichtslos steinhart bis zum Ende bleiben. Wenn sie sehen, dass Widerstand und Revolution allgemein werden, greifen sie schließlich zu Nützlichkeitsmaßnahmen, um zu retten, was zu retten ist“
Aber am 30.April 1908 warfen die Terroristen eine Bombe, die auf ein politisches Gebäude gezielt war, aber den Wagen zweier Engländerinnen traf. Nun griff die englische Regierung nach Jahren nervösen Wartens endlich ein. Die Absicht war, die gesamte indische Untergrundbewegung zu vernichten. In einem Vorort Kalkuttas wurde ein Schauprozess inszeniert. Etwa hundert Führer wurden verhaftet, darunter Aurobindo. Er gehörte zu den 36 Hauptangeklagten. Im Gefängnis von Alipur verbrachte er ein volles Jahr, während der Prozess gegen ihn und die andern Führer lief. Ein Jahr, das den Abschluss seiner politischen Laufbahn bedeutete, ein Jahr völliger innerer Wandlung. Als er im Mai 1909 freigesprochen wurde, erwarteten ihn seine früheren Mitstreiter. Sie erhofften von ihm eine zündende politische Rede. Aber was sie zu hören bekamen, war ein religiöses Bekenntnis.
?In der Abgeschlossenheit des Gefängnisses, dessen Alltag mich zuerst zermürbte, hat mir eine innere Stimme gesagt: Warte ab! Ich erinnerte mich nun daran, dass ich etwa einen Monat vor meiner Haft den innern Ruf bekommen hatte, alle Tätigkeit aufzugeben, mich zurückzuziehen und in mich selbst hineinzuschauen, um in engere Gemeinschaft mit Gott zu kommen. Damals war ich schwach und mochte den Ruf nicht annehmen. Meine Arbeit war mir sehr lieb, und im Stolze meines Herzens dachte ich, das Werk werde leiden und zusammenbrechen, wenn ich nicht da sei. Es schien mir, dass ER zu mir sprach: Die Fesseln, die du zu brechen keine Kraft hattest, die habe ich jetzt für dich zerbrochen? Ich habe andere Dinge für dich zu tun. Darum habe ich dich ins Gefängnis gebracht, um dich zu lehren, was du selbst nicht lernen konntest, um dich so für dein Werk vorzubereiten? Was ich lernen musste, war: frei sein von Widerstreben und Wunschtrieb, SEIN Werk zu tun, ohne auf die Frucht des Werks zu rechnen, den Eigenwillen aufzugeben, ein passives und gläubiges Instrument in SEINEN Händen zu werden, Hoch und Niedrig, Freund und Feind, Erfolg und Versagen mit gleicher Herzengesinnung hinzunehmen und doch SEIN Werk mit stets gleicher Hingabe zu tun? Ich schaute nun auf das Gefängnis, das mich von der Menschenwelt abschloss, und die hohen Mauern kerkerten mich nicht mehr ein, nein, es war Vasudeva, es war Sri Krishna, der mich umgab? Ich blickte auf das Eisengitter, das als Tür diente, und wiederum sah ich Vasudeva? Ich lag auf und fühlte die Arme Sri Krishnas um mich, die Arme meines Freundes, des mich Liebenden. Ich sah die Gefangenen an, die Diebe, Mörder, Schwindler, und als ich sie ansah, sah ich Vasudeva? Es war die erste tiefgreifende Vision, die ER mir gab. ER sagte auch: Als du ins Gefängnis geworfen wurdest, wurdest du nicht schwach? Schau jetzt auf den Richter, blicke jetzt auf den Ankläger! Ich schaute hin, und es war nicht der Richter, den ich sah, es war Vasudeva. Ich blickte auf den Ankläger, und es war Sri Krishna, mein Freund, der mich Liebende, er saß da und lächelte mich an. Nun, was fürchtest du? Sagte ER. ICH bin in allen Menschen und walte mit ihren Handlungen und Worten, wie ICH will. Mein Schutz bleibt bei dir, und du sollst dich nicht fürchten. Diese Anklage überlasse mir.“
Einer der berühmtesten Anwälte Indiens übernahm (kostenlos) die Verteidigung und erreichte den Freispruch, der nicht zu erwarten war. Nach der Freilassung wurde Aurobindo streng vom Geheimdienst überwacht. Er lebte in Gefahr. Seine innere Stimme befahl ihm zu fliehen. Er tat es sofort und entging so dem neuerlichen Zugriff der englischen Polizei. Nach der politischen Befreiung Indiens kehrte er in seine Heimat zurück und gründete den heute so berühmten Ashram Pondisherry. Er stand ihm als Yoga-Meister vor. Unzählige Menschen haben unter seiner Leitung den geistigen Durchbruch erlebt. Seine Werke werden heute in allen Sprachen gelesen.
"Der fundamentale Glaube im Yoga ist dieser: Gott ist da, und Gott ist das EINE, dem es zu folgen gilt.“