Brief aus dem Gefängnis

Rosa Luxemburg – Brief aus der Haft

Deutsche Politikerin polnischer Herkunft, die zusammen mit Karl Liebknecht die linke Opposition gegen den ersten Weltkrieg anführte, wurde von 1915 bis 1918 mit Unterbrechungen inhaftiert und am 15. Januar 1919 im Alter von 39 Jahren ermordet. Von ihr stammt  der berühmte Satz: „Freiheit ist immer nur die Freiheit des Andersdenkenden“. Aus einem Brief, den sie 1917 in der Haftanstalt Breslau schrieb, nachfolgend ein Ausschnitt:

…“Gestern lag ich lange wach – ich kann jetzt nie vor ein Uhr einschlafen, muss aber schon um zehn ins Bett, weil das Licht ausgelöscht wird – dann träume ich mir Verschiedenes im Dunkeln. Gestern dachte ich also: Wie merkwürdig das ist, dass ich ständig in einem freudigen Rausch lebe – ohne jeden besonderen Grund. So liege ich zum Beispiel hier in der dunklen Zelle auf einer steinharten Matratze, um mich im Hause herrscht die übliche Kirschhofsstille, man kommt sich vor wie im Grabe; vom Fenster her zeichnet sich auf der Decke der Reflex der Laterne, die vor dem Gefängnis die ganze Nacht brennt. Von Zeit zu Zeit hört man nur ganz dumpf das ferne Rattern eines vorbeifahrenden Eisenbahnzuges oder ganz in der Nähe unter den Fenstern das Räuspern der Schildwache, die in ihren schweren Stiefeln ein paar Schritte langsam macht, um die steifen Beine zu vertreten. Der Sand knirscht so hoffnungslos unter diesen Schritten, dass die ganze Öde und Ausweglosigkeit des Daseins daraus klingt in die feuchte, dunkle Nacht. Da liege ich still, allein, gewickelt in diese vielfachen schwarzen Tücher der Finsternis, Langeweile, Unfreiheit des Winters – und dabei klopft mein Herz von einer unbegreiflichen, unbekannten inneren Freude, wie wenn ich im strahlenden Sonnenschein über eine blühende Wiese gehen würde. Und ich lächle im Dunkeln dem Leben, wie wenn ich irgendein zauberhaftes Geheimnis wüsste, das alles Böse und Traurige Lügen straft und in lauter Helligkeit und Glück wandelt. Und dabei suche ich selbst nach einem Grund zu dieser Freude, finde nichts und muss wieder – lächeln über mich selbst. Ich glaube, das Geheimnis ist nichts anderes als das Leben selbst; die tiefe nächtliche Finsternis ist so schön und weich wie Sammet, wenn man nur richtig schaut ; und in dem Knirschen des Schildwache singt auch ein kleines, schönes Lied vom Leben – wenn man nur richtig zuhören weiß“…

 

Zitat: Luise Rinser „Mein Lesebuch“, Fischer Taschenbuch Verlag