Gefängnis

Erich Mühsam

Geboren am 6.4.1878 in Berlin. Kabarettist, Dichter, Anarchist, 1919 Mitglied des Zentralrates der bayrischen Räterepublik, nach deren Sturz zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt, von denen er 6 Jahre verbüßte. Im Juli 1934 wurde er im KZ Oranienburg ermordet. Aus seiner Haftzeit stammt dieses Gedicht.

 

Auf dem Meere tanzt die Welle

Nach der Freiheit Windmusik.

Raum zum Tanz hat meine Zelle

siebzehn Meter im Kubik.

 

Aus den blauen Himmeln zittert

Sehnsucht, die die Herzen stillt.

Meine Luke ist vergittert

und ihr dickes Glas gerillt.

 

Liebe tupft mit bleichen leisen

Fingern an ein Bett ihr Mal.

Meine Pforte ist aus Eisen,

meine Pritsche hart und schmal.

 

Tausend Rätsel, tausend Fragen

Machen manchen Menschen dumm.

Ich hab eine nur zu tragen:

Warum sitz ich hier? Warum?

 

Hinterm Auge wohnt die Träne,

und sie weint zu ihrer Zeit.

Eingesperrt sind meine Pläne

Namens der Gerechtigkeit

 

Wie ein Flaggstock sind Entwürfe,

den ein Wind vom Dache warf.

Denn man meint oft, dass man dürfe,

was man schließlich doch nicht darf.