Gefangen in Santa Fu (JVA Hamburg Fuhlsbüttel)

Haft. Zeit zum Nachdenken. Zum inneren Aufräumen. Nun: Bis zum 42. Lebensjahr lebte ich sauber, straffrei und „funktionierte“. Trotz Umsätzen, die sich in dreistelliger Millionenhöhe bewegten, entnahm ich der Firma nicht einmal den Gegenwert einer Briefmarke.

Die Justiz - das waren für mich schöne Gebäude, zumeist im Stil der Gründerjahre, nicht mehr. Übertretung, Vergehen, Verbrechen – das waren lediglich Wortspiele; klappernde Wörter auf Kopfsteinpflaster.
Meine Welt: Befehl und Aufgabe, Kauf und Verkauf, Ordnung und Geld, Lob und Tadel, Erfolg und Gewissenhaftigkeit, Artigkeit und Beflissenheit, Pünktlichkeit und Ehrlichkeit. Ein Wortverhau aus deutschen Tugenden, mit deren Inanspruchnahme („Arbeit macht frei!“ zum Beispiel) unsere Großväter auch ein KZ führen konnten. Viel – aber doch nicht genug. 
Zuvor: Elternlos. Heimzeit. Schule. Abitur. Lehre. Verlagskaufmann. Soldat. Arbeit. Und parallel dazu Studium: Englisch, Spanisch, Betriebswirtschaftslehre in England. Mit 23 Jahren bereits Generalbevollmächtigter im Bereich Immobilien. Dort, mit raschen, frühen Erfolgen, 16 Jahre „eingeparkt“. Über 60 Länder wurden monatsweise Heimat für mich.
Dann: in kaputter Euphorie, Erfindung, Verschuldung, Verfall der Bonität. Scherben auf Scherben. Eine böse Arithmetik. Ein irrationales Gemisch aus Heimweh, Entfremdung und dem ewigen Gefühl, über den Tisch gezogen worden zu sein. Familie: 5 Kinder. Verstrickung mit Kredithaien. Tödliche Zinsen.
Stetes Abgeleiten in das Unbürgerliche. Zwang und Not. Es geht abwärts. Die Verdrängung wird zu ungeahnter Bedrohung!
Anklage und Prozess. Meine Einlassungen – alles Lügen, alles Schutzbehauptungen, Unsinn. Meine Anwältin: Kein Wort vor Gericht. Rums: Also ich, ein schwerer Verbrecher.
Das Verbrechen : Nun, auch eine „Wissenschaft“ , ein Gebiet, auf dem uns Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte in gelehrter Anmaßung einfach nicht folgen wollen. Entwicklung, Motive, Hintergründe: das interessiert keinen Richter. Im Matsch des – meines – müden Erklärens bleibe ich stecken. Das Gericht hat seine Überzeugung, ist zu der Überzeugung gekommen, dass …!
Also erstes Zwangsergebnis: 6 Jahre und 3 Monate. Santa Fu. Erster Besuch! Vier Jahre Haft. Dann 34 Monate Freiheit. Bitter, teuer, alles verloren. Freiheit auf sandigem Boden.
Dazu: Scheidung. Verlust sämtlicher sozialer Kontakte. Isolierung total.
Dann: Widerruf: Frühjahr 2002.
Somit zweites Zwangsergebnis: Zweiter Besuch Santa Fu. Hier! Jetzt! Gefangen in Schuld und Sühne. Jammern – nein. Staatsanwalt und Rechtsanwalt häkeln angeblich am Deal. Die Sicherungsverwahrung droht im Strafraum neuer Gesetze, die nun auch artig angewendet werden müssen! Strafe muss sein. Ist da noch was? Liegt doch bestimmt wieder etwas vor – oder? Alle Kontakte nach draußen sind schwer, zäh und doch voller Liebe. Mein Unwert, besiegelt, köchelt wieder auf der Null des Status quo. Mein Los: alles – zum zweiten Mal – zerstört, gewollt, getan, erlitten: Anstalt II, Santa Fu. Selbst Schuld!
Nun, schuld bin ich selbst. Alles Mitleid endet im Mitleiden. Kontakte sind schwer – und tun weh. Ich drinnen, sie draußen. Was geschieht mit mir? Arbeit lenkt ab. Gut. Neid – worauf? Neid – ein Bruder ohne Maß? Ich erfahre: Sind Frauen schuld an den männlichen Aggressionen? Keine Antwort. Natürliche Grenzen scheinen aufgehoben – hier in der Haft. Mobbende Insassen – unerträglich.
Falsche Männlichkeit, erstarrt in body - ver- buildeten Körpern ohne Geist? Macho – Getue, brain – owner, statt brain – user. En Masse! Täglich neu! Santa Fu: Abklatsch „deutscher Werte“ im Herbst des Verfalls? Scheinbar.
Santa Fu – ein Ort der erodierten Seelen. Ein Panoptikum kranker Hirne. Ärztlich erkannt, gefährlich. Deshalb eingesperrt? Vielleicht. Aber sicher eine Anstalt mit dem Geruch des Verwahrtseins. Durchgetaktet mit Aufschluss, Essen, Arbeit, Freizeit, Einschluss. Sparsame Besuche im Format verlorener Sandkörner! Alles erlebt – ohne Grammatik vollkommener Klarheit? Wagner dramatisierte grundlegende Konflikte menschlicher Existenz. Ich fantasiere, auf dünnem Eis, über die Topografie des Leidens – hier!
Oberflächen, Schicksale, schieben sich ineinander, krachend landen Jung und Alt in Santa Fu. Hört, hört: 35 – jährige saßen vereinzelt schon  17 Jahre in Haft. 27 – jährige haben 12 Jahre vor sich… Herzkranke und Kettenraucher, Diabetiker und Drogensüchtige, gestörte Existenzen und Narzissmus – Opfer- alle brutzeln im Leid ihres verfehlten Daseins. Monate, Jahre und mehr. Taumeln vor weißer Wand in unsäglichem Leid, vereint im Schmerz. Opfer einer Schlacht ohne Tote – lebendige Leichen! Das Desaster der Schicksale vertönt, versiegt, ungehört im verborgenen Schachzug unausweichlicher Notwendigkeit von Strafe und Sühne. Chaos und Zerstörung als Muss! Wo sonst gibt es eine solche Ansammlung von Selbstzerstörung? Hier sitze ich in der Gesellschaft lebender Toter. Gesichter wie erloschen – Farbe abhanden gekommen? Eingesperrt im Missklang summierter Leiden, aufgeperlt in Monats- und Jahresketten. Pseudowohlstand in den Zellen: Billigteppiche zu Füßen, TV - Box und Tower, CD und lustfressende Bilder auf Wand und Tür. Schreie in der Nacht: im babylonischen Sprachengewirr zahlreicher bestrafter Nationalitätenvertreter, auf dem Höllenritt zur Illusion der Halbstrafe, Monat für Monat lutschend.
Links und rechts: Wortknallerei mit „Koffer/Blatt“ , „Bombe“ und „Stoff“, Iso und Zweidrittel, Therapie und Offener Vollzug, DVD und Abgang, Tod und Ende! – Ein Singsang im Kaminfeuer der Vernichtung auf Raten. Gerüchte köcheln – in Quark gemeißelte Versprechen helfen, den Rettungsring Offener/Therapie/Abgang zu basteln. Doch vorzeitige Entlassung – eine übergroße Fehlanzeige, ein lächerliches Begräbnis des Nichts!
Scheinbar uferlose Ansammlungen von Drogentypen, Betrügern, Räubern, Mördern, Schlägern Erpressern und andere finde ich torkelnd im eckigen Kreis des Gefangenseins. Der Gefangene tanzt allein im Mief der verlorenen Null-Jahre. Rache ganz vorn… Ratlosigkeit und Depressionen, Aggressionen und Ängste frieren mir entgegen. Die Seele weint.
Anträge en masse: Absagen in Leid und Frust: Absagemaschinen in Menschengestalt: Anstaltsleiter, Beamte, Gerichte und Behörden. Absage – jeder Insasse weiss um seinen Unwert – spätestens dann! Nette Beamte – gut! – aber zu wenig. Wie Fremdkörper. Korken auf hoher See! So wabern Frust und Hader, Neid und Gerücht, Macht und Ohnmacht, Glück und Pech, Tod und Ende. Keiner spricht mit mir – aber ganz sicher über mich!
Wie überstehe ich nun am besten diese Hölle aus Papier – in der Quadratur des Kreises? Wie entkomme ich dem Papier gewordenen Drachen paragrafenverschlingender Alltage? Alltage im freien Fall. Welche Schäden kommen d u r c h die Haft auf mich zu? Wut und Verzweiflung, Ängste und Egoismen wachsen! Es bleibt die ewige Angst der Ökonomie permanenter Erosionen, emotionaler Erschöpfung, Ruf nach Resozialisierung – der Bruch ohne Ende! Ehe kaputt, Arbeit futsch, Wohnung weg – also Duldung hässlicher Spiele! Verlust meines Horizontes? Mein Lebensentwurf gerät abermals in eine Null- Runde. Wandlungen und Wiederholungen – wohin gerate ich? Der Tod – ein Angebot – Allegorie des eigenen Ichs? Ein Tausch produziert Null- Summen! Was kann i c h erwarten – was tun? Wie entkomme ich der finsteren Verschwörung eines Selbstmordes, der sich mehrenden Todessehnsucht? Wie kann ich – unbeschadet – das Eingesperrtsein überstehen?
Jeder weiß:
Geld und Geburten nehmen ab!
Manieren und Scham nehmen ab!
Werte und Ideale nehmen ab!
Moral und Recht nehmen ab!
Aber:
Angst und Gottlosigkeit nehmen zu!
Drohung und Gewalt nehmen zu!
Scheidungen und Prozesse nehmen zu!
Feigheit und Strafmaße nehmen zu!
Zum Beispiel der TV-Zuschauer, lustvoller Aufseher eingesperrter Artgenossen, konsumiert bei Brötchen und Knabberzeug, bei diversen Programmen, Filme mit über 250 Toten wöchentlich, transferiert ins Wohnzimmer. Verbrechen ja – Verbrecher nein!
Schuld und Sühne – der werfe den ersten Stein! Doch eben dieser scheint abhanden gekommen zu sein! – was also tue ich? Weltmeister im Verdrängen! Hilflos das Verschieben auf andere. Kalt schlägt die Vernunft auf – gleißendes Licht der Voreingenommenheit blendet mich. Der Leidensdruck wird – Gott sei Dank! – völlig unterschiedlich empfunden: Wie im Krieg, wo fast jeder einzelne Gefallene aus einer separaten Familie kommt. Ethik und christliche Werte – wo bleiben sie? Und was bleibt mir?
Eine Gesellschaft, die den Wert einer Person daran misst, welchen Beruf sie ausübt, wie viel Geld sie besitzt, wie jugendlich sie daher kommt, ist ihre jämmerliche Hochzeit mit der Oberflächlichkeit bereits eingegangen!
Der Andere ist weit weg – ich werde ein kalter Egoist.
Also – etwa Solidarität mit Knackis – keine Chance!
Empathie – zuviel! Kontakte – sehr schwer!
Nun, wie also überstehe i c h die Haft – gibt es einen Königsweg?
M.E.: Kämpfen, kämpfen – um alles! Solange es eben geht. Mein Weg ist, mir die Probleme von der Seele zu schreiben: Gedichte, Tagebücher et cetera pp.
Gruppenbesuche, Kirche, gute Gespräche. Auch ich hab’ eine Sucht: Lesen. Bücher, Bücher. Ich bin bibliomanisch. Meine Droge sind Bücher. Die Bücherwelt. Der Strudel der Worte. Glückseligkeit in den Kombinationen der Konsonanten und Vokale. Muster des Denkens. Mehr als gaffen! Die Melodie der Sprache – wie sich Konsonanten und Vokale einen und trennen! Schon mit 7 Jahren schrieb ich mir die Seele frei. Erstes Honorar mit 9 Jahren bei einer Provinzzeitung. Hobbies sehe ich hier: Musik, Sport, Sprachen, Studium, Malen und Zeichnen, Basteln – auch schöne Dinge.
Ich lese und schreibe – lange schon.
Höre klassische Musik – gehört, aufmerksam.
Zeichnen und Malen – im Tun stümperhaft.
Ich taumele von Depression zu Depression.
Bin müde zu sehen, auch hier, wie Menschen hässlich zueinander sind. In meinem Kopf: voller Glasscherben – Schmerz und Chaos, Liebe und Hass, Feuer und Wasser, Leere und Trostlosigkeit. Kein Grün, keine Blumen. Kaum Lächeln.
Alles atmet Traurigkeit und Ende. Die Tage werden beigesetzt wie zu früh gestorbene Kinder. Tränen ertränken die Todessehnsucht. Die Blumen sind gebrochen. Fantasie mit Flügeln aus Blei. Der Tod – ein Bruder?
Freundschaft und Liebe, Sehnsucht und Qualen – nur schwacher Selbstbetrug – eben doch ein kleines Glück zu erhoffen?
Denn die Hoffnung stirbt zuletzt!

 ( Hamburg im Jahre 2004)